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Teure Tourismuswerbung mit gravierenden Mängeln

Von offizieller Seite wird der 2009 gegründete Touristikverein für die vier Kommunen des Bergischen Rhein-Sieg-Kreises gerne „über den grünen Klee gelobt“. Einer näheren Überprüfung hält das gewünscht positive Image jedoch in vielerlei Hinsicht nicht stand. Betrachtet man die immensen Kosten - bald werden wohl 400.000 Euro in den Verein geflossen sein - muß die Ergebnisbilanz als unbefriedigend gelten.

Viel Papier, aber zahlreiche inhaltliche Fehler : Werbung des Touristikvereins

So sind beispielsweise die produzierten Drucksachen fast allesamt fehlerhaft, wie Beispiele belegen :  Im vergangenen Jahr wurde eine Broschüre zu den Erntefesten in der Region herausgegeben. Hätte man sich im Erscheinungsjahr (2012) aber an die darin abgedruckten Termine gehalten, um die Feste zu besuchen, wäre man zu denjenigen in Lohmar-Donrath und -Wickuhl eine volle Woche zu spät gekommen. Für 2013 gab es Abweichungen bei den Erntefesten in Lohmar-Scheid und Much-Wellerscheid, die für das gleiche Wochenende angegeben sind, aber an verschiedenen stattfanden.

In einem älteren Folder von 2011 zu den Erntefesten ist ein Gewinnspiel enthalten. In den Erläuterungen heißt es, dass nur Personen mit Wohnsitz in Deutschland teilnahmeberechtigt sind - Gastfreundschaft ist etwas anderes. Eine Begründung für diese Einschränkung konnte auch auf Nachfrage nicht gegeben werden.

Die Linienführung verdeckt die Ortsangaben

Besonders abschreckend wirkt die Karte zur "Wanderregion". Nur vier kleine Rundkurse sind darin verzeichnet, obwohl die vier Kommunen viel mehr landschaftlich schöne und gut ausgeschilderte Wege aufzuweisen haben. Wanderfreunden muß sich der Eindruck aufdrängen, dass die Region nicht viel zu bieten hat. Betrachtet man beliebte Wandergebiete wie etwa im Nationalpark Eifel, wo man an einem Startpunkt zwischen zahlreichen Routen wählen kann, muß unsere Region mit ihrem dürftigen Wegeangebot für Wanderer unattraktiv erscheinen. Die Karte weist noch eine weitere Schwäche auf :  Die eingezeichneten Routen und auch Piktogramme verdecken unnötig viele Ortsnamen - für Auswärtige fehlt somit die Orientierung.

Wie mag der Ort namens „ppichter“ komplett heißen ? Für auswärtige Besucher bleibt es rätselhaft
Der Eröffnungstermin des "Bergischen Wegs" ist angegeben, seine Routenführung aber völlig falsch dargestellt

In dieser Karte ist auch der Fernwanderweg "Bergischer Weg" eingezeichnet. In der Erstauflage vom März 2012 ist noch verzeihlich, dass dessen alte Streckenführung vermerkt ist. Die gleiche Wegführung ist jedoch auch in der zweiten Auflage vom März 2013 markiert. Zu diesem Zeitpunkt stand aber schon fast ein Jahr lang fest, dass der "Bergische Weg" ab 2013 eine komplett neue Wegführung erhält, die mit dem alten Verlauf in unserer Region keinerlei Gemeinsamkeiten mehr hat. Schon 2012 waren die neuen auffälligen Wegweiser in der ganzen Region aufgestellt worden. Dennoch wurde in der Zweitauflage der Wanderkarte noch 2013 die längst veraltete Wegführung abgedruckt. Produktionskosten in nahezu fünfstelliger Höhe für die in einer Neuauflage von 20.000 Stück gedruckten karte wurden so praktisch in den Sand gesetzt. Zudem wurde gänzlich versäumt, die vier Premiumwege des "Bergischen Wanderland" zu verzeichnen. Fazit :  die Karte ist falsch, unvollständig und als Anreiz für Wanderer unattraktiv.

Frankreich im Bergischen Land ?

Die Titelseite der neuen Gästebroschüre

Einheimische mögen sich fragen, wo denn die kleine Steinbogenbrücke im Bergischen Rhein-Sieg-Kreis zu finden ist, die das Titelbild der vor kurzem erschienenen Gästebroschüre formatfüllend ziert. Auch Urlaubs- oder Wandergäste könnten diese Frage stellen. Falls die Reaktion - auch bei Ortskundigen - nicht nur aus Achselzucken besteht, dürfte die Antwort interessant ausfallen - zeigt das Bildarchiv-Motiv doch eine Steinbrücke in Frankreich !  Dabei scheut man sich auch nicht, noch im Foto irreführend zu titeln "ein Schmuckstück im Bergischen Land". Beim Touristikverein scheint man zu glauben, daß unsere Region keine fotogenen Attraktionen bietet, so daß man umworbene Gäste mit einem Fotomotiv aus dem Ausland täuschen muß - ein klarer Fall von Etikettenschwindel !

Doch auch die "inneren Werte" der neuen Gästebroschüre sind mit Fehlern nur so gespickt. Selbst wenn man außer acht läßt, dass jeder gewissenhafte Schriftsetzer ob der vielen Stilbrüche bei der Textgestaltung - selbst innerhalb einzelner Seiten - die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchte, wiegen die inhaltlichen Fehler viel schwerer. So werden beispielsweise bei der Kurzvorstellung der Kommunen Lohmar, Much und Ruppichteroth seitenverkehrte Ortsansichten präsentiert. Das kann auch Ortsunkundigen auffallen, da zwei dieser Fotos an anderer Stelle der Broschüre nochmals in richtiger Ausrichtung auftauchen - ebenso wie in der Vorgängerbroschüre.

In Frankreich, soweit ermittelbar in den Pyrenäen, wurde das Titelbild der Gästebroschüre für den Bergischen Rhein-Sieg-Kreis aufgenommen - ein Armutszeugnis für unsere Region - (Foto: © auremar - Fotolia.com)

Besonders ärgerlich aber ist die unbrauchbare Gastgeber-Übersicht, weil die Zimmerpreise in viel zu vielen Fällen falsch wiedergegeben sind. So sind Doppelzimmer in den meisten Fällen mit einem geringeren Preis verzeichnet als Einzelzimmer. Mit einer einzigen Ausnahme fehlt der Hinweis "pro Person" bei den Preisangaben. In manchen Fällen ist aber auch der Gesamtpreis für ein Doppelzimmer angegeben - ein heilloses Durcheinander und keine wirkliche Hilfe für die umworbenen Übernachtungsgäste.

Zumindest kann man diese Angaben lesen. Dies kann man nicht von allen Informationen in der Broschüre behaupten. Zahlreiche kleinformatige, teils gar kursive Texte sind in weißer Schrift auf gelbem Grund gedruckt, an anderer Stelle in gelber Schrift auf weißem Grund. Die Lesbarkeit der Texte leidet darunter erheblich, nicht nur für Menschen mit einer Sehschwäche ist dies völlig unzumutbar.

Als ein "Highlight" wird der Bahnhof bei Lohmar-Honrath präsentiert. Warum der Provinz-Haltepunkt ein Höhepunkt der Region sein soll, ist allerdings fraglich. Während für Lohmar, Much und Ruppichteroth jeweils drei solcher "Highlights" präsentiert werden, wird für Neunkirchen-Seelscheid nur eines aufgeführt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man beim Touristikverein seine Hausaufgaben nicht gemacht hat und die Region nicht kennt. Durch zahlreiche, teils doppelseitige Bildarchiv-Fotos, die mit dem Gebiet nichts zu tun haben, wird zudem die Chance vertan, die Attraktionen der Region besser darzustellen.

Die oben geschilderten fehlerhaften Angaben bei den Hotelpreisen haben übrigens schon Tradition aus der Vorgängerbroschüre, die drei Jahre lang - ohne jede Korrekturbeilage - falsche Preisangaben vorstellte. So waren darin die Hotelpreise in Lohmar durchweg falsch angegeben. Es wurde sogar eine Juniorsuite in einem Schloßhotel für nur 200 Euro für eine ganze Woche offeriert. In Wirklichkeit handelte es sich um den Tagespreis für eine reguläre Suite. Es gäbe viele weitere Beispiele, die man anführen könnte, doch dies würde hier zu weit führen.

"Das ist alles nur geklaut" …

… sangen einst 'Die Prinzen'. Diesen Eindruck hat man auch hier, denn selbst der Slogan, der dem Verein verpasst wurde, läßt eigene Ideen und Originalität vermissen. "bergisch hoch vier" wurde 2010 als der große Wurf präsentiert. Schade nur, daß man sich damit in fast unmittelbarer Nachbarschaft bedient hat. Schon 2007, also drei Jahre früher, hatten die Stadt Bergisch Gladbach und die Gemeinde Odenthal (Altenberger Dom) ihre touristischen Aktivitäten unter dem Begriff "bergisch²" gebündelt. Selbst wenn man dies bei der hiesigen Namensgebung des Slogans nicht wusste, eine nur einminütige Internet-Recherche hätte ausgereicht, den Nachbarn im Rheinisch-Bergischen Kreis nicht derart in den Rücken zu fallen.

Das Original : Unter dem Slogan "bergisch²" erscheinen touristische Publikationen im Rheinisch-Bergischen-Kreis, neben themenbezogenen Foldern (Kirchen, Geocaching, Fachwerk) ist auch eine Freizeitkarte geplant

Erst spät und zufällig habe man von der namentlichen Dublette erfahren, heißt es auf Anfrage aus dem Bergisch Gladbacher Rathaus, man sei schon "ein bißchen überrascht gewesen". Offene Kritik wird nicht geübt, doch Unzufriedenheit über die Ähnlichkeit des Slogans klingt klar durch. Vom werblichen Standpunkt ist die Namensähnlichkeit nämlich besonders problematisch :  Beide Regionen werben letztlich in den gleichen Zielgruppen um Tages- und Übernachtungsgäste, etwa im Ruhrgebiet oder den Niederlanden. Statt einer prägnanten Marke entsteht Verwechselbarkeit, die beiden Regionen schadet.

Daß der Touristikverein sich nicht nur hier mit fremden Ideen, sondern auch anderweitig mit fremden Federn, genauer gesagt Texten schmückt - "copy and paste" gehört nachweislich zu den eingesetzten Verfahren - ist nur ein weiteres Kapitel.

(Foto : Touristikverein Bergischer Rhein-Sieg-Kreis (Ausschnitt))

Die Fehlerserie setzte sich jüngst auch bei einem Pressetermin fort, zu dem - nebenbei bemerkt - nur ausgewählte Medien eingeladen wurden. Hier wurde eigens ein Heißluftballon befeuert. Mit diesem sollte die neue Gästebroschüre symbolisch „auf die große Reise“ zu den europäischen Partnerstädten der vier bergischen Kommunen geschickt werden. Die bedachten Partnergemeinden werden wegen der symbolischen Zusendung der fehlerhaften Broschüren (siehe oben) sicher vor Freude kopfstehen - die Flaggen von Frankreich und Polen taten es schon auf den offiziellen Fotos. Und vielleicht erkennt man in Frankreich ja auch gleich die Brücke im eigenen Land wieder, die das Titelbild ziert ...

Ein Logo mit historischem Schatten

Die acht dunklen und damit dominanten Kanten der vier Quadrate im Logo bilden ein "Hakenkreuz"

Schließlich wäre da noch das unglückliche Logo des Vereins. In den Augen manches Betrachters weist es eine deutliche Ähnlichkeit mit einer verfremdeten Swastika auf - ursprünglich übrigens ein hinduistisches Symbol. In Europa ist die Verwendung dieses Symbols nicht opportun, seit es von den Nazis als "Hakenkreuz" verwendet wurde. Trotz frühzeitiger Einwände hielt der Touristikverein an diesem Logo fest. Die Gemeinde Neunkirchen-Seelscheid schaltete vorsorglich den Staatsschutz der Bonner Polizei ein, woraufhin die Staatsanwaltschaft Bonn feststellte, dass das Logo zumindest "keinen Straftatbestand erfüllt". Für touristische Einsatz-Zwecke - vor dem historischen Hintergrund insbesondere in den umworbenen Benelux-Ländern - erscheint ein solch zweifelhaftes Logo jedoch völlig ungeeignet.

Die Region hätte eine bessere Werbung verdient - insbesondere vor dem Hintergrund von bislang annähernd 400.000 Euro Kosten. Diese wurden überwiegend aus Steuergeldern der ohnehin nicht üppig mit Geldern ausgestatteten Kommunen getragen. Lohmar, Much, Neunkirchen-Seelscheid und Ruppichteroth zahlen jeweils 15.000 Euro, zusammen also 60.000 Euro jährlich in den Topf. Hinzu kommen weitere fünfstellige Fördermittel vom Kreis, demnach wiederum Steuermittel. Die Beiträge der Vereinsmitglieder (außer den Kommunen) machen dagegen nicht einmal zehn Prozent des Etats aus.

Hauptziel des Vereins ist laut Satzung die touristische Entwicklung der Region und die Förderung der wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder - sprich Wirtschaftsförderung für den Bergischen Rhein-Sieg-Kreis. Der größte Teil der Ausgaben fließt jedoch aus der Region heraus, geht den Kommunen damit verloren. Größte finanzielle Nutznießer des Vereins waren bislang Werbeagenturen - zunächst in Hennef, seit kurzem in Troisdorf - entsprechend fließt auch deren Gewerbesteuer in die benachbarten Kommunen. Von Anzeigenschaltungen profitieren ebenfalls nur auswärtige Medien, örtliche werden ignoriert. Wirtschaftlich profitieren also auch hier nur auswärtige Firmen und Städte. Wirtschaftsförderung für die Region, die den Verein trägt und eigentlich profitieren soll, sieht sicherlich anders aus.

Wenig Gespür für die Wirtschaft der Region hatte man auch beim E-Bike-Projekt. Weil die Fahrradhändler vor Ort zu klein waren, um ein solches Projekt mit Bereitstellung zahlreicher Zweiräder mit Elektroantrieb zu stemmen, suchte man sich einen Partner in Köln. Seither wird diese Firma vom Verein überall beworben - zum Nachteil der örtlichen Händler, die in die Röhre schauen. Nebenbei bemerkt :  Laut Definition wird in der beworbenen "E-Bike-Region" kein einziges E-Bike (Elektroantrieb auch ohne Tretunterstützung) vorgehalten, bei den hiesigen Modellen handelt es sich durchweg um Pedelecs (Elektroantrieb nur bei Tretunterstützung).

Diese E-Bikes werden unter anderem am im Frühjahr eröffneten Tourismusbüro des Vereins vorgehalten. Dieses befindet sich in Jexmühle. Selbst viele Bewohner der Region werden sich fragen, wo um Himmels Willen denn Jexmühle liegt. Das Örtchen mit ein paar Dutzend Einwohnern befindet sich am Haltepunkt Honrath, dem einzigen noch in Betrieb befindlichen (Kleinst-)Bahnhof der Region im Norden Lohmars. Als Begründung für den Standort wurde genannt, dass hier schon vor hundert Jahren 1.340 Kölner an einem einzigen Wochenende zur Erholung im Bergischen ankamen. Dazu muß man allerdings wissen, daß es damals noch ein Naturfreibad in fußläufiger Nähe an der Agger gab. Tagesgäste reisen heute allerdings zumeist mit dem Auto an - und die werden in den wenigsten Fällen Jexmühle mit seinem nur am Wochenende geöffneten Tourismusbüro passieren. (cs)

 

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02. November 2013


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